(Foto: Rudi Mayer)

Anna macht ihr Meisterstück

Soltauer Läuferin glänzt als Doppelmeisterin bei den Landesmeisterschaften

Mit ihrer Bestleistung im 2000m-Lauf, die sie vor zwei Wochen in Melle aufgestellt hatte, und mit der sie derzeit auch die deutsche Jahresbestenliste anführt, zählte die 15-jährige Mittelstrecklerin Anna Lütjen vom MTV Soltau naturgemäß zu den Favoritinnen bei den Landesmeisterschaften der Männer, Frauen und der Klasse U16 am vergangenen Wochenende in Hannover. Auch das Meldeergebnis von lediglich sechs 15-Jährigen Starterinnen mit Bestzeiten weit hinter ihr ließ eigentlich einen deutlichen Sieg erwarten. So hatte sie sich vorgenommen, einen neuen Versuch zu wagen, den Landesrekord von 6:16,07 Minuten zu brechen, zumindest eine Zeit unter 6:20 anzustreben. 

Im sehr großen Feld von insgesamt 19 Athletinnen der Klassen W15 und W14 musste sie dazu ein relativ flottes Anfangstempo von etwa 73 – 74 Sekunden einschlagen, was sie auch gleich an die Spitze gehend umsetzte. Ihr Vorsprung wuchs Meter um Meter, Runde für Runde weiter an, aber im Alleingang bei zudem lästigem Wind war das Ziel, weitere Runden von 74 – 75 Sekunden zu laufen, leider nicht zu erreichen. So ging sie bei Halbzeit in 3:08 Minuten über die 1000m-Marke, setzte sich weiter ab auf bis zu 100 Meter Vorsprung vor der nächstbesten Läuferin und spurtete schließlich auf der Zielgeraden zum klaren Sieg in 6:25,60 Minuten, womit sie ihre Bestzeit um winzige sieben Hundertstelsekunden ganz knapp verfehlte. Ihr eleganter Laufstil und die jederzeit souveräne Vorstellung mit diesem national hochkarätigen Ergebnis bestätigte den anwesenden Landestrainer in seiner Absicht, die bei weitem noch nicht austrainierte Läuferin als Aspirantin für den Landeskader 2020/21 zu notieren. Im Übrigen war auch der Bundes-Nachwuchstrainer bereits auf das Lauftalent aus der Heide aufmerksam geworden und hatte schon Kontakt zum Abteilungsleiter Rudi Mayer und ihrem Heimtrainer Dr. Rainer Anton aufgenommen. Voraussichtlich im November wird sie nun mit allen infrage kommenden Läuferinnen aus der Republik zu einer ersten, mehrtägigen  Lehrgangsmaßnahme ins Bundesleistungszentrum nach Kienbaum eingeladen, wo neben dem gegenseitigen Kennenlernen und Fachvorträgen auch umfangreiche Tests sowie Bekanntgabe der Eckdaten zur Trainingsgestaltung im Hinblick auf die Leistungshöhepunkte der Saison 2021 geplant sind.

Am zweiten Tag der Meisterschaften wollte sie am späten Vormittag zum zweiten Mal in dieser Saison die 800m-Strecke in Angriff nehmen. Die beiden bisher stärksten Läuferinnen der Klasse W15 waren gemeldet, womit einem schnellen Rennen nichts mehr im Wege zu stehen schien. Annas Bestleistung von Anfang Juli stand bei 2:18,67 Minuten, man durfte aber bei ihrer derzeitigen guten Form auf eine deutliche Steigerung in Richtung 2:16 Minuten hoffen. Der Rennplan sah vor, möglichst lange im Windschatten der Läuferin Mariam Amaadacho (Garbsener SC, Bestleistung 2:15,64 Minuten und letztjährige Landesmeisterin) zu bleiben, um im richtigen Augenblick den Spurt um eine neue Bestleistung anzusetzen. Schon beim Aufwärmen zeigte sich die Favoritin, Delphine Drath vom TK zu Hannover mit einer Bestleistung von 2:12,81 Minuten die drittbeste 15-Jährige in Deutschland, derart nervös über die vermeintlich starke Konkurrenz, dass sie sich mehrmals übergeben musste und letztlich dann ganz auf den Start verzichtete. Damit war eigentlich für Anna der Weg mindestens zu Silber frei, der Rennplan ging aber zunächst nicht auf.

Mariam Amaadacho ging nämlich das Rennen im Vertrauen auf ihre Spurtfähigkeiten eher verhalten an, so musste Anna die Initiative ergreifen und das Tempo erhöhen. Die erste Runde wurde somit in 63 Sekunden, also genau in der angepeilten Zwischenzeit absolviert. Bis 600 Meter konnte Anna die Führung behaupten, dann kam der erwartete Angriff der Konkurrentin, die am Vortag als Favoritin im 300m-Hürdenlauf, klar in Führung liegend, gestürzt war. Diese setzte sich nun ihrerseits etwa drei bis vier Meter von Anna ab, die damit schon geschlagen schien. Eingangs der Zielgeraden jedoch ging ein Ruck durch die immer noch sehr leichtfüßig laufende MTVerin, die sich nun Meter für Meter an die Enteilte herankämpfte, sie dann etwa zwanzig Meter vor dem Ziel passierte und sich in der starken Zeit von 2:15,54 Minuten ihren völlig unerwarteten zweiten und insgesamt vierten Meisterwimpel des Jahres sicherte.

Um diese famose Leistung richtig einzuordnen: mit dieser Zeit setzte sich Anna vorläufig auf Rang acht der aktuellen deutschen Bestenliste und steigerte damit ihre Leistung aus dem Vorjahr um sage und schreibe zwölf Sekunden. Da sie als relativ schlanke und leichte Läuferin eher zu den längeren Mittelstrecken tendiert, hat sie dennoch den eindrucksvollen Nachweis gebracht, die Läuferin mit dem breitesten Leistungsspektrum in Deutschland zu sein, denn auch ihre Leistungen von 62,17 Sekunden über 400 Meter, 4:34,85 Minuten über 1500 Meter, 6:25,53 über 2000m und 10:06,03 Minuten über 3000 Meter, erst recht ihre Spitzenleistung im 1500 Meter Hindernislauf bringen ihr teilweise national die Spitzenposition in ihrer Altersklasse ein.




Geschrieben von Sandra Bargmann am 13.09.2020
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